Grundwassersituation


Aktuelle Situation

Derzeit sind die Grundwasserstände überall am Niederrhein hoch. Wir haben diesen Winter über unsere Webseite Anfragen von Bürgern nach Problemlösungsmöglichkeiten auch aus dem weiteren Umfeld von Kaarst (St. Tönis, Tönisvorst, Mönchengladbach) erhalten. Für diese allerorts kritische Situation spricht auch die jüngste Berichterstattung der WZ über Grundwasserprobleme in St. Tönis und Schiefbahn.

Auch in Kaarst ist die Situation so angespannt, wie seit mehr als 40 Jahren nicht mehr. Dies zeigen auch die aktuellen Grundwassermesswerte einer privaten Messstelle in Vorst, deren Werte mit denen der offiziellen Messstelle Waldhof in Vorst identisch sind:

Aufgrund der sehr hohen Grundwasserstände im Winter 2010/2011 haben wir von vielen Bürgern gehört, dass sie erstmals Wasser im Keller haben. Wir haben in einem Mitgliederrundschreiben und in der Presse dazu aufgerufen, uns anonym zu melden, wenn jemand schon Wasser im Keller hat.  Bisher sind seit dem 11.03.2011 folgende Rückmeldungen bei uns eingegangen:

  • 82 nasse Keller gesamt (Stand: 03.05.2011)
  • 14 davon in Vorst
  • 30 davon in Holzbüttgen
  • 29 davon in Broicherdorf
  • 4 davon in Stakerseite
  • 2 davon auf der Neusser Furth
  • 3 unbekannter Ortsteil

Zudem wissen wir, dass zwei ganze Straßen in Holzbüttgen vernässt sind. Da wir diese Meldung aber von Dritten haben, haben wir sie nicht in die obigen Zahlen aufgenommen. Die gemeldeten Schäden reichen von Feuchtigkeit, die an den Wänden hochzieht bis hin zu stehendem Wasser von mehrere Zentimetern Höhe. Im folgenden sehen Sie  Fotos, die uns Betroffene mit nassen Keller geschickt haben:

Abstand

Geologische und historische Hintergründe

Kaarst liegt in einem Gebiet, das schon immer hohe natürliche Grundwasserstände aufwies. Im Vorster Wald wurde noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts Torf zum Heizen gestochen. Hinweis auf die hohen Grundwasserstände sind auch die Namen vieler Orte, die auf „broich“ enden und nichts anderes als „Bruch“ bedeuten. „Bruch“ ist dabei die Bezeichnung für ein sumpfiges Gebiet.

Das folgende Foto zeigt eine typische Landschaft am Niederrhein und insbesondere in Kaarst. Es wurde Frühjahr 2011 in unmittelbarer Nähe zum Nordkanal aufgenommen. Der Pflanzenbewuchs zeigt, dass das Gebiet das ganze Jahr über nass ist.

Problematisch wird dies allerdings dann, wenn Bruchland nicht angepasst bebaut wird. Dazu kommt es, wenn weder für den Bauherrn noch den planenden Architekten erkennbar ist, dass es sich bei dem Bauland um Bruchland handelt. Dazu ist es im Raum Kaarst, Korschenbroich und in Teilen von Mönchengladbach und Neuss durch den Braunkohletagebau gekommen.

Mitte der 50er Jahre begann Rhein-Braun mit offizieller Genehmigung, den Grundwasserspiegel im Abbaugebiet abzusenken, damit die Abbaugruben nicht voll Wasser liefen. Dazu hat Rhein-Braun großflächig unglaubliche Mengen Grundwasser abgepumpt, die dazu führten, dass im unmittelbaren Umfeld des Tagebaus das Grundwasser zum Teil um fast 200 m sank. Die Auswirkungen dieser Pumpmaßnahmen waren deutlich bis Kaarst spürbar. Hier fiel der Grundwasserspiegel bis zu 12 m.  Schön zu erkennen ist diese Absenkungen auch an den Messwerten für die Messstelle Waldhof in Vorst.

Durch die Pumpmaßnahmen von Rhein-Braun war ab Ende der 60iger Jahren des 20. Jahrhunderts das Bruchland trocken gefallen und wurden von den Grundeigentümern als teures Bauland an Bauwillige verkauft, die in der Regel keine Kenntnis über die natürlichen Grundwasserstände hatten. Daran haben nicht nur die einheimischen Grundeigentümer, sondern auch die Stadt Kaarst verdient. Keiner der früheren Eigentümer hat den „Neubürgern“ den Grund für die niedrigen Grundwasserstände mitgeteilt, so dass das voraussehbare Problem bei Beendigung des Braunkohleabbaus unbekannt blieb. Daher wurden die in den 60er, 70er und 80er Jahren gebauten Häuser unangepasst gebaut. In weiten Bereichen von Vorst kann man beobachten, dass die Keller der alten Häuser wesentlich weniger tief in den Boden eintauchen als die Keller von Neubauten.

Seit einigen Jahren ist Rhein-Braun aufgrund von geänderten Wasserrechten verpflichtet, das abgepumpte Wasser wieder einzuspeisen und aufgrund der Wanderung des Braunkohletagebaus werden bestimmte Pumpen in Kürze abgestellt oder wurden bereits abgestellt. Spätestens dann wird sich der Grundwasserstand wieder – mit jahreszeitlichen Schwankungen – auf seinem früheren, wesentlich höheren Niveau einpendeln.

Das Grundwasserproblem ist also die Kombination aus ansteigendem Grundwasser auf die natürlich vorhandene Höhe kombiniert mit (unverschuldet) unangepasster Bebauung. Inzwischen weist die Stadt Kaarst Bauwillige über eine Broschüre auf die hohen Grundwasserstände und die Verpflichtung hin, als Bauherr/herrin selber für die bauliche Vorsorge verantwortlich zu sein. Eigentümern bereits fertiger Häuser, hilft dieser Hinweis aber nicht.

Grundwasserbetroffenheit: Was ist das?

Grundwasserbetroffenheit liegt auf jeden Fall vor, wenn das Wasser bereits in den Keller eingedrungen ist.

Wir sind der Auffassung, dass aber nicht nur die Bürger vom Grundwasser betroffen sind, deren Keller schon jetzt im Wasser stehen. Wir sind der Meinung, dass sogar die Eigentümer von Häuser oder Grundstücken betroffen sind, die noch nicht oder ohne Keller gebaut haben und sogar die Einwohner von Kaarst, die gar kein Grundeigentum in Kaarst haben. Wir möchten Ihnen das im Folgenden erläutern.

Betroffen ist jeder, der negative Folgen durch den Anstieg des Grundwassers zu befürchten hat. Das sind:

  • Hauseigentümer, deren Keller vernässen und an deren Wänden sich Schimmel bildet. Dadurch wird die Gesundheit der Bewohner beeinträchtigt und der Wert des Hauses gemindert. Vermietete Immobilien können kauf wieder neu vermietet werden und wenn, dann zu wesentlich niedrigeren Mieten.
  • Hauseigentümer, deren Keller zwar nicht vernässen (weil Sie evtl. mit weißer Wanne, höher oder ohne Keller gebaut haben), die aber in Gebieten von Kaarst/Vorst/Holzbüttgen wohnen, in denen ganze Straßenzüge bereits vernässt sind bzw. mit hoher Wahrscheinlichkeit vernässen werden. Sie sind zwar nicht direkt betroffen, aber doch indirekt dadurch, dass ihre Häuser durch den Wertverlust der Nachbargrundstücke ebenfalls an Wert verlieren. (Wer kauft schon ein Grundstück für 300 € pro qm, wenn alle Nachbargrundstücke nur noch einen Bruchteil davon wert sind und zu erwarten ist, dass diese in absehbarer Zeit nicht mehr bewohnbar sein werden?)
  • Alle Grundstückseigentümer, die wegen des Preisverfalls auf dem Grundstücksmarkt nicht den eigentlichen Wert realisieren können oder gar keinen Käufer finden, weil potentielle Käufer vom Ruf der „Grundwasserstadt“ abgeschreckt werden.
  • Mieter und Bewohner von Häusern mit vernässten Kellern. Sie haben entweder die Wahl, weiterhin unter Beeinträchtigung ihrer Gesundheit in dem Haus zu wohnen oder sie müssen die Umstände und die Kosten für einen Umzug auf sich nehmen. Davon werden vor allem einkommensschwache Bürger (Rentner, Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger) betroffen sein, weil diese weniger als andere Einkommensgruppen die Möglichkeit haben, einen Umzug zu finanzieren.
  • Alle erwerbstätigen Bürger der Stadt Kaarst, weil diese über ihre Steuergelder die Instandsetzung von städtischen Gebäuden, die vom Grundwasser beschädigt worden sind und die Sozialleistungen für die Bürger zahlen müssen, die ihren Altersruhesitz nicht nutzen können und daher auf Sozialleistungen angewiesen sind.
  • Alle Einwohner der Stadt Kaarst, weil sich, wenn Vorst und Holzbüttgen weiträumig vernässen und damit unbewohnbar werden, unter der Änderung der Sozialstruktur leiden werden. Es besteht die Gefahr, dass sich Gettos bilden, in denen nur noch sozial schwache Bürger wohnen, weil sich nur diese keinen Umzug, eine neue Wohnung oder den Verlust Ihres Altersruhesitzes leisten können.

Die Betroffenheit nur auf die wenigen, bereits jetzt vernässten Häuser zu beziehen, ist danach also zu kurzsichtig. Offensichtlich ist, dass dringend etwas getan werden muss.

Individuelle Betroffenheit

Wahrscheinlich möchten Sie für Ihr eigenes Grundeigentum gerne wissen, wie hoch die Gefahr ist, dass der Keller Ihres Hauses vernässt? Dazu benötigen Sie zwei Werte:

1. Die Tiefe der Fundamentes ü. NN

2. Den zu erwartenden maximalen Grundwasserstand für Ihr Grundstück

Beide Werte brauchen Sie dann nur abzugleichen um zu erfahren, ob und wie hoch, Ihr Keller im Grundwasser stehen wird.

Tiefe des Fundamentes ü. NN

Schwierigkeiten kann es bereiten, die genaue Kellertiefe als Meter über NN (Normalnull) zu ermitteln.

Dazu gibt es verschiedene Wege:

Bauplan: Meist werden Sie eine Angabe über NN auf Ihren Bauplänen finden. Wenn diese aber schon älter sind, sollten Sie sich nicht ungeprüft darauf verlassen.

Vermessungsunterlagen: Wenn Sie neu gebaut haben, wird Ihr Haus nach der Bauabnahme neu vermessen. Hierbei wird auch die Höhe in NN gemessen.

Kanaldeckelhöhe: Liegt vor Ihrem Haus ein Kanaldeckel, so können Sie beim Tiefbauamt die Höhe des Kanaldeckels erfragen und so Rückschlüsse auf die Höhe Ihres Hauses ziehen. Für die Stadtteile Vorst und Holzbüttgen sowie Teilen von Broicherdorf und Stakerseite liegen uns die Kanaldeckelhöhen ebenfalls vor. Bitte sprechen Sie uns an.

Eigene Vermessung: Wenn Ihr Haus höher oder niedriger als die Straße liegt, sollten Sie Ihr Haus unter Verwendung der Kanaldeckelhöhe oder eines anderen Fixpunktes, dessen Höhe Sie kennen, neu vermessen. Dazu können Sie eine handelsübliche Schlauchwaage oder eine Laserwasserwaage verwenden. Die Stadt Kaarst besitzt eine solche Laserwasserwaage und stellt sie Bürgern auch kostenlos leihweise zur Verfügung.

Gerne ist auch die Bürgerinitiative bei der Vermessung oder Berechnung der Werte behilflich. Selbstverständlich behandeln wir alles streng  vertraulich. Wenn Sie Hilfe benötigen, wenden Sie sich vertrauensvoll an uns: info@grundwasser-kaarst.de

Die Abbildung gibt den Vorgang der Vermessung mit einer Laserwasserwaage wieder. Positionieren Sie die Wasserwaage zunächst über dem Fixpunkt und richten Sie diese waagerecht aus. Richten Sie dann den Laserstrahl auf Ihr Haus. Messen und notieren Sie sich die in der Zeichnung gekennzeichneten Maße in Meter. Die Tiefe der Fundamente errechnet sich dann wie folgt:

(Höhe des Fixpunktes ü. NN + 1)-(2+3)= Tiefe der Fundamente

3=a+b+c+d

Ein Beispiel soll diese Berechnung verdeutlichen:

Der Fixpunkt liegt bei 38,75 m ü. NN.
Die Messhöhe über dem Fixpunkt (1) beträgt 1,225 m.
Die Höhe (2) beträgt 0,8 m.
Die Gesamtkellerhöhe (3) beträgt 3,13.

Die Formal lautet dann:

(38,75+1,225)-(0,80+3,13)=Höhe der Unterkante der Fundamente ü. NN

Danach läge die Unterkante der Fundamente bei 36,04 m ü. NN

Wenn Sie keine Bauunterlagen mit den Höhen des Kellers, der Kellerdecke und der Fundamente mehr haben, müssen Sie den Keller neu ausmessen. Dazu addieren Sie die Werte für die Kellerdecke (a), die Raumhöhe im Keller (b) und rechnen dazu 15-20 cm für die Bodenplatte (c) und 25-30 cm für die Fundamente (d) hinzu.

Maximal zu erwartender Grundwasserstand

Problematischer sind die zu erwartenden maximalen Grundwasserstände zu ermitteln.

Eine ungefähre Vorstellung von den aktuellen Grundwasserständen erhalten Sie durch die im Internet veröffentlichten Werte an den offiziellen Messstellen. Suchen Sie sich am besten dort eine Messstelle in Ihrer Nähe aus und entnehmen sie die Werte für Ihr Grundstück. Beachten Sie aber, dass dies nicht unbedingt etwas für Ihr Grundstück aussagt. Das Grundwasser ist kein See mit einer ebenen Oberfläche sondern besitzt Täler und Berge. Außerdem fließt es. Daher kann eine Messstelle, die weiter von Ihrem Grundstück entfernt liegt als eine andere, passendere Werte aufweisen, als die näherliegende, weil Ihr Grundstück und die Messstelle auf der gleichen Grundwassergleiche liegen.

Wenn Sie die Entwicklung des Grundwasserstandes in einem Diagramm vorliegen haben, können Sie darin die Höhe Ihrer Fundamentunterkanten und die Oberkante des Kellerbodens einzeichnen. Dadurch können Sie erfassen, wie oft und wann in der Vergangenheit die Bodenplatte schon Grundwasserkontakt hatte.

Die folgende Grafik zeigt eine private Messstelle auf der Schiefbahner Str., die aber mit der offiziellen Messstelle Waldhof identisch ist. Eingezeichnet ist neben der Geländeoberfläche (oben) auch die errechneten maximalen Grundwasserwerte und die Oberkante Kellerboden eines typischen Hauses der Gegend.  Zu erkennen ist deutlich, dass, wenn die Wasserstände der 60ger Jahre wieder eintreten sollten, die Keller im Wasser stehen werden. Im Worst-Case stünde das Grundwasser im Keller 1 m hoch.

Ein relativ exakter Wert für die Vergangenheit ist der vom Staatlichen Umweltamt im Krefeld für das einzelne Grundstück zu erfragende höchste jemals gemessene Grundwasserstand. Die Werte für Kaarst reichen bis in die 50er Jahre zurück und erlauben dann auch Rückschlüsse auf Gebiete, in denen zurzeit noch Rhein-Braun-Einfluss herrscht. Mithilfe dieses Wertes können Sie dann auch ermitteln, wie weit die von Ihnen verwendete Messstelle von ihren tatsächlichen Werten abweicht.

In die Zukunft kann natürlich Niemand schauen. Es gibt aber Berechnungen des Erftverbandes, wie sich das Grundwasser in Zukunft unter Berücksichtigung aller ungünstigen Umstände entwickeln könnte. Die Werte im sogenannten Worst-Case liegen den Berechnungen für die Grundwasserlösungen zugrunde. Sie sind für den Bereich Kaarst im Wesentlichen identisch mit den Werten, die 1966 bereits eingetreten waren. Das bedeutet aber vor allem, dass es sich nicht um „utopische“ und nur theoretisch erreichbare Werte handelt, sondern um solche, die jederzeit wieder erreicht werden können. Bitte wenden Sie sich an uns (info@grundwasser-kaarst.de), wenn Sie die exakten für Ihr Grundstück errechneten Werte im Worst-Case wissen möchten.

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